Was ist eigentlich Liebe?

„Sag mir was Liebe ist“, fordert Piggeldy in der Kinderserie Piggeldy und Frederick, die in den 1970ern startete. „Nichts leichter als das“, antwortet sein großer Bruder Frederick so wie in jeder Episode, mit einem leicht paternalistischen Tonfall. Unsicher ist er dann doch. Laut Frederick ist Liebe Kuscheln (Ohren aneinander reiben) und ein Gegenüber zu mögen, auch wenn es nicht perfekt ist. Als Beispiele für das nicht-perfekt-Sein nennt Frederick, einen dicken Bauch zu haben, ein Humpelbein, oder ein Loch im Ohr. Einerseits ist das eine gut gemeinte Botschaft der Toleranz, gleichzeitig reproduziert es die Idee von gesellschaftlichen Normen und Schönheitsidealen, die Idee, dass alle irgendwie verinnerlicht hätten, dass dicke Bäuche und Humpelbeine nicht dem Ideal entsprächen.

Ja, auch beim Thema Liebe spielen gesellschaftliche Normen und Diskriminierung eine Rolle. Aus einer OkCupid Studie von 2014 geht hervor, dass weiß gelesene Menschen die besten Chancen haben, ein Match zu finden. Dass wir also, wenn wir unreflektiert unseren Vorlieben folgen, meist den gesellschaftlichen Schönheitsnormen entsprechend wählen oder einen nicht der Norm entsprechenden Körper wählen, weil wir ihn fetischisieren. Diskriminierung gibt es auch beim Dating und in Liebesbeziehungen: Rassismus, Sexismus, Ableismus, Klassismus, Fettfeindlichkeit, Hetero-Normativität, Cis-Normativität, Diskriminierung aufgrund von Religion, Alter oder Aussehen. Wir werden mit diesen Verhaltensweisen sozialisiert und reproduzieren sie in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch in der Liebe. Die Konsequenz daraus ist nicht nur, dass der Zugang zu Liebe für Menschen, die stärker von Diskriminierung betroffen sind, schwieriger ist, dass für sie Liebe eine schwerer zugängliche Ressource ist. Die Konsequenz ist auch, dass wir nur durch Selbstreflexion verhindern können, auf Diskriminierung basierende Unterdrückungsmechanismen in unseren Beziehungen zu reproduzieren.

Doch ein Schritt zurück. Was ist jetzt eigentlich Liebe? Der Begriff ist sehr diffus und aufgeladen. Filme, Serien, Musik und Werbung wollen uns dazu Ideen vermitteln, Ideen von Romantik, Erlösung von eigenen Problemen, weiblicher Passivität und männlicher Aktivität, von Besitzdenken und damit verbundener Eifersucht und Hass, von Produkten, die wir kaufen müssen, um liebenswert zu werden. Diese Ideen teile ich nicht.

Das Objekt der Liebe, also das, was wir mit Liebe übergießen wollen, sind nicht nur Partner*innen in Liebesbeziehungen, sondern auch enge Freund*innen, Familie, Kinder, für die wir sorgen, Tiere, die mit uns leben, das Leben, Natur, leckeres Essen, bewegende Kunst, Aktivitäten, die uns Freude bereiten, Projekte, die uns sehr wichtig sind, und sich selbst. Doch es gibt nicht nur viele Objekte der Liebe, es gibt auch viele Arten zu lieben oder Modalitäten der Liebe: besitzend (da bin ich kein Fan von), sorgend, begehrend, freilassend, anerkennend, kontemplativ, mitfreuend (Compersion). Nicht alle Arten zu lieben passen zu allen Objekten der Liebe.

Liebe ist oft mit starken Gefühlen verbunden, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein können: z.B. warm, kribbelig, sich gesehen, angenommen und wertgeschätzt fühlen, um die andere Person sorgen wollen, sehen wollen, dass es ihr gut geht. Und dann gibt es Rund um Liebe noch Gefühle wie Verlustängste, Eifersucht, Ärger und Wut, wenn Bedürfnisse nach Sicherheit nicht erfüllt sind oder es Konflikte gibt. Sind diese Gefühle Liebe?

Wenn Liebe nur als Gefühl gedacht wird, dann folgt daraus kein Hinweis, was liebevolles Handeln ist. In der gewaltfreien Kommunikation (GfK) ist Liebe kein Gefühl, sondern ein Bedürfnis. Und dieses Bedürfnis ließe sich vielleicht noch präziser in genauere Bedürfnisse aufdröseln: Bedürfnisse nach Geborgenheit, Wärme, Kontakt, Anerkennung, ehrlicher Kommunikation, … auch diese können wieder von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein. Zu konkreten Bedürfnissen können konkrete Bitten formuliert werden. Das Schöne an dieser Definition von Liebe ist, dass sie Vielfalt zulässt. Sie enthält kein auf gesellschaftlichen Normen beruhendes Urteil darüber, was die richtige Art und Weise des Liebens ist und empowered die Beteiligen, konkret zu formulieren, was sie sich in einer Beziehung wünschen. Wobei eine Beziehung nicht alle Bedürfnisse einer Person erfüllen muss.

Bei bell hooks ist Liebe auch kein Gefühl, sondern ein emotionaler Zustand, der sich erst durch verantwortungsvolles Handeln realisiert und Wachstum von sich selbst und einer anderen Person zum Ziel hat. Sie benennt sieben Komponenten für dieses Handeln: Fürsorge, Zuneigung, Anerkennung, Respekt, Hingabe, Vertrauen, offene/ehrliche Kommunikation (diese Komponenten des Handelns passen gut zu Bedürfnissen in der GfK, die dadurch erfüllt würden). Das ist meiner Meinung nach eine gute und reichhaltige Definition, deren Komponenten, verantwortungsvolles Handeln und Wachstum als Ziel, ich noch ein bisschen detaillierter betrachte.

Wenn das Zentrale an Liebe nicht das Gefühl, sondern das Handeln ist, dann wirkt Liebe nicht mehr so schicksalslastig, dann ist mensch der Liebe nicht ausgeliefert, dann kann mensch aktiv und bewusst entscheiden. Und was am wichtigsten ist: wenn Liebe verantwortungsvolles Handeln ist und nicht ausschließlich als Gefühl gedacht wird, dann ist ganz klar, dass Gewalt und anderes beschissenes Verhalten niemals Liebe sein kann, dass Gewalt niemals mit „es war aus Liebe“ gerechtfertigt werden kann. Gleichzeitig braucht es eine emotionale Verbundenheit, damit sich das aktive Handeln nicht als Pflichterfüllung anfühlt. All die Emotionen und Gefühle, die um das liebevolle Handeln herum entstehen, sind valide und können Beachtung finden. Sie sind jedoch nicht das Zentrale der Definition von Liebe.

Bell hooks schreibt spirituelles Wachstum sei das Ziel der Liebe und bezieht sich dabei auf M. Scott Peck. Bei mir persönlich gehen bei „spirituellem Wachstum“ die Esoterik-Alarmglocken an (siehe Vergiss nicht Solidarität und Skeptizismus). So schreibt Peck beispielsweise in „The different drum“ ziemlich paternalistisch und normativ, was seiner Meinung nach eine „wahre Gemeinschaft“ sei, was für eine Gemeinschaft, der authentischste und gesündeste Zustand sei. Diese das-ist-die-Wahrheit-Arroganz, die ich oft im Zusammenhang mit spirituellen Ideen wahrnehme, lassen mich klar davon Abstand halten und stattdessen auf emanzipatorische und auf Vielfalt beruhende Ansätze setzen. Auch wenn bell hooks unter „spirituellem Wachstum“ vermutlich nur offene Selbstentfaltung versteht, und keinen vordefinierten Weg der Erleuchtung, bin ich vorsichtig.

Deshalb würde ich allgemein von Wachstum sprechen, was für jede Person und zu unterschiedlichen Zeiten Verschiedenes bedeuten kann: Vielleicht einfach nur mit dem Leben klarkommen, vielleicht ein körperliches Ziel, vielleicht psychisches Wachstum, vielleicht etwas neues Lernen oder sich neue Fähigkeiten anzueignen, vielleicht sich selbst mehr zu lieben. Im Gegensatz zur neoliberalen Idee der ständigen Selbstverbesserung und Leistungssteigerung des Individuums zu kapitalistischen Verwertungszwecken geht es beim Wachstum in der Definition von Liebe darum, das selbstbestimmte Wachstum von sich selbst und dem Gegenüber in der Liebesbeziehung gemeinsam zu unterstützen. Also nicht isolierte Selbstoptimierung im Wettbewerb mit anderen, sondern kooperatives, sich solidarisch unterstützendes gemeinsames Wachsen.

Einen Punkt, den ich bei bell hooks zu dogmatisch finde, ist die Idee, dass fehlende Selbstliebe die eigene Fähigkeit, andere zu lieben einschränkt. Diese Sicht kann dazu führen, dass Menschen, die noch dabei sind, ihre Selbstliebe aufzubessern, sich möglicherweise nicht zugestehen, liebende Partner*innen zu finden, da sie selbst noch nicht ausreichend Liebe geben könnten. Ich finde Selbstliebe zu verbessern, kann Teil des Wachstums in liebenden Beziehungen sein. Jede Person kann geliebt werden, egal wo sie mit der eigenen Entwicklung gerade steht.

Wenn Liebe also kein Gefühl, sondern ein zu präzisierendes Bedürfnis und verantwortungsvolles Handeln mit emotionaler Verbundenheit ist, was bedeutet dann „ich liebe dich“? Unklar. Dass eine Person in dem Moment warme Gefühle für eine andere Person hat? Dass sie sich über die Erfüllung ihres Bedürfnisses nach Liebe freut? Dass sie gerne die konkrete Bitte einer anderen Person erfüllt, die zur Erfüllung deren Liebesbedürfnisses beiträgt? Dass sie das bewusste, fürsorgende Handeln der anderen Person wertschätzt? Dass sie selbst gerne der anderen Person bewusste Fürsorge zukommen lässt? Dass sie Compersion fühlt, die Freude darüber, dass eine Person, zu der ich eine emotionale Verbindung habe, Liebe (oder etwas anderes gutes) erlebt? Unklar.

Lustig dazu ist das Video in dem Marshall B. Rosenberg mit den Handpuppen Giraffe (steht für empathische Kommunikation nach GfK Werten) und Wolf (steht für anklagende Kommunikation) den Wolf fragen lässt, ob die Giraffe ihn lieben würde. Die Giraffe antwortet mit so vielen Rückfragen, dass es fast aggressiv und anklagend wirkt. Damit wird die Zweischneidigkeit der GfK deutlich, die auch zu unterdrückenden Zwecken genutzt werden kann.

Zurück zu der Idee, dass Liebe aktives, bewusstes, verantwortungsvolles Handeln ist: Damit ermöglicht Liebe, gegen diskriminierende und unterdrückende Muster in der Gesellschaft anzugehen. Dazu ist es wichtig, die eigenen Privilegien zu reflektieren und die durch Sozialisation erlernten Verhaltensmuster zu hinterfragen.

Welche Verhaltensweisen in liebenden Beziehungen reproduzieren Unterdrückungsmechanismen? Werden solche Verhaltensweisen mit „so bin ich eben“ rechtfertigt, obwohl die Person sehr wohl anders handeln könnte? Wird ein*e Partner*in in einer Liebesbeziehung unter Druck gesetzt, beschissenes Verhalten zu akzeptieren? Offene und ehrliche Kommunikation gehört zu den wichtigen Verhaltensweisen, um Liebe zu realisieren. Doch wie findet diese in liebenden Beziehungen statt? Fühlen sich Menschen in der Lage, Kritik zu formulieren? Wird das Verhalten kritisiert oder im Mantel der Kritik respektlos die Identität der anderen Person angegriffen? Kann die andere Person mit respektvoll formulierter Kritik ihres Verhaltens konstruktiv umgehen?

Durch Reflexion und bewusstes Handeln können auch die sich aus der eigenen Sozialisation ergebenden Normen und Vorlieben hinterfragt werden. Damit können Normen verschoben und aufgelöst werden. Damit kann Liebe eine transformative Praxis sein. Nicht als kalte politische Pflicht, sondern auf aufrechten Gefühlen beruhend.


Mehr zu Gewaltfreier Kommunikation und Kritik daran in diesem Text.

2025/12