Text zu einer Veranstaltung in Winterthur.

Wirtschaft geht besser ohne Kapitalismus

Die Probleme des Kapitalismus von Umweltzerstörung über Krisen bis Ungerechtigkeiten sind bekannt. Viele können sich trotzdem kein anderes Wirtschaftssystem als den Kapitalismus vorstellen. Im Folgenden beschriebe ich kurz und knapp, wie Wirtschaft in anarchistischen Gesellschaften funktionieren kann.

Disclaimer: ich spreche nur für mich und nicht für irgendeine anarchistische Organisation.

Begriffsklärungen

Anarchie

Unter Anarchie verstehe ich ein Gleichgewicht aus Freiheit und Solidarität und ein Nebeneinander unterschiedlicher Ideen in diesem Spektrum. Strömungen, die sich als anarchistisch bezeichnen, und nur Freiheit ohne solidarische Aspekte beschreiben, sind mir ähnlich suspekt wie solche, die sagen, ihre Auslegung des Anarchismus sei die einzig wahre.

Wirtschaft

Wirtschaft (oder auch Ökonomie) ist die Organisation von Produktion und Distribution (Verteilung).

Dies sind wichtige gesellschaftliche Themen, die uns betreffen und über die wir deshalb entscheiden sollten. Wirtschaft sollte daher nicht Expert*innen vorbehalten sein. Wir alle sind Expert*innen für Wirtschaft in den Bereichen, in denen wir tätig sind.

Kapitalismus ist nur eine Möglichkeit, Wirtschaft zu organisieren - es gibt andere, bessere. Und der Markt ist nur ein Werkzeug zur Verteilung neben anderen.

toot with the text: As a kid, I hated economics because I thought it was only about becoming rich while ignoring injustices. But economics need no capitalism. Economics is actually exciting. It's about deciding how production and distribution can be organized in ecological, free, and solidary ways.

Motivation

Eine konkrete Vorstellung von anarchistischem Wirtschaften zu haben, ist aus mehreren Gründen wichtig:

Angesichts des Klimaumbruchs ist eine "Alle leben im Überfluss"-Utopie unrealistisch. Trotzdem ist es sinnvoll, sich über konkret realisierbare Utopien Gedanken zu machen. Die Utopie besteht darin, die Klimakatastrophe auf menschlicher und organisatorischer Ebene erträglicher zu gestalten.

Ich sage nicht, dass Wirtschaft der wichtigste Aspekt anarchistischer Kritik und Praxis sein sollte, jedoch schien mir dieser Bereich im Vergleich zu anderen, ebenso wichtigen Themen, wie Entscheidungsfindung, Konfliktklärung, Kommunikation, Abschaffung von Diskriminierung, Herrschaft, Grenzen, Gefängnissen, binäre Geschlechterordnung, u.s.w. relativ unklar.

Anforderungen an Wirtschaft

Das Ziel anarchistischen Wirtschaftens sollte es sein, möglichst gut die Bedürfnisse aller zu erfüllen.

Zudem folgt aus dem Gleichgewicht aus Freiheit und Solidarität:

Anarchistische Wirtschaft auf lokaler Ebene

Unter einer lokalen Gemeinschaft verstehe ich überschaubar viele Menschen, sodass noch persönliche Konfliktklärung möglich ist und mensch sich noch wenigstens vom Sehen kennt. Das könnte mit bis zu 500 Leuten noch möglich sein, jedoch ist eine feste Abgrenzung nicht nötig. Es geht hier nur um eine Vorstellung von einer Größenordnung. Möglicherweise leben in lokalen Gemeinschaften Menschen mit ähnlichen Interessen oder Vorlieben zusammen.

Wirtschaft auf lokaler Ebene könnte beispielsweise so organisiert sein:

Das hört sich vielleicht komplex und nach vielen Treffen an, muss aber nicht so sein, denn es wird sich nicht ständig alles ändern und mensch muss nicht bei allen Entscheidungen dabei sein.

Der Text Putzen als wär schon Anarchie veranschaulicht die Interaktion zwischen Konsument*innenräten, Produktionskollektiven und Koordinationskomitees anhand eines praktischen Beispiels.

Notwendigkeit Überlokaler Strukturen

Braucht es über die lokalen Gemeinschaften hinaus Strukturen zur Organisation der Wirtschaft? Einige Anarchist*innen würden das verneinen. Lokale Gemeinschaften können autark bleiben und Selbstversorgung praktizieren. Und niemand wird sie davon abhalten, das zu tun. Als Bedenken zu überlokalen Strukturen werden die Entwicklung von Herrschaftsstrukturen, Bürokratie oder Technokratie genannt, was dadurch begünstigt werden kann, dass nicht mehr alles auf persönlicher Ebene geklärt werden kann. Dieses Risiko sollte immer im Blick behalten werden.

Die meisten Anarchst*innen werden jedoch sagen, dass die Vorteile überlokaler Strukturen überwiegen:

Vielfältiges Nebeneinander

Nicht alle Menschen haben die gleichen Präferenzen, was wirtschaftliche Organisation angeht. Gerade nach Umbruchsituationen wird vermutlich mit mehreren Modellen parallel experimentiert werden. Vielleicht wird sich auch langfristig ein Nebeneinander verschiedener Modelle entwickeln. Dies kann unter einem gewissen Minimalkonsens unter den Modellen funktionieren, sodass die Gemeinschaften sich nicht gegenseitig ausbeuten.

So können beispielsweise Menschen, die weitgehende Selbstversorgung ohne moderne Technik bevorzugen, in lokalen Gemeinschaften neben anderen Gemeinschaften existieren, die effiziente hightech-Produktion durchführen.

Unterschiedliche Möglichkeiten der Verteilung

Was sind aus anarchistischer Sicht mögliche überlokale Werkzeuge oder Strukturen, mit denen Verteilung organisiert werden kann? Im Folgenden werden einige Möglichkeiten erörtert. Wie oben erwähnt können diese nebeneinander existieren und es können auch Mischformen existieren. Parecon beispielsweise ist eine Mischform aus föderierten Räten mit dezentraler Planwirtschaft und Markt. Dabei gibt es durch den Plan festgesetzte Preise und Entlohnung für Arbeit. Es ist hilfreich, die unterschiedlichen Modelle sowie deren Werkzeuge erkennen und ihre Konsequenzen abschätzen zu können.

Hier eine nicht repräsentative Umfrage in einer Social-Media-Bubble:

toot with a poll about anarchist economies. The option with federated councis got 54%.

Der Markt entscheidet

Die Rede ist hier nicht von Markt im Kapitalismus, sondern von Markt in sozialistischen oder anarchistischen Gesellschaften. Es gibt also keine Ausbeutung durch Produktionsmittelbesitzer*innen. Spricht trotzdem etwas gegen Markt?

Diese Probleme existieren meiner Meinung nach auch mit lokalen Währungen, Tauschringen, Arbeitsgutscheinen und ähnlichen.

Eine anarchistische Strömung, die Markt befürwortet, ist der Mutualismus.

Die Produzierenden entscheiden

Diese Möglichkeit hört sich erst mal nach Selbstverwaltung und deshalb gut an. Das Problem dabei ist potenziell eine Machtkonzentration bei den Produzierenden, vor allem wenn es sich um Produktionsstellen von kritischer Infrastruktur handelt. So kann es zur Bevorteilung von Befreundeten kommen, zu Vetternwirtschaft und dazu, dass Menschen durch geschicktes Diskutieren um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse kämpfen müssen.

Diese Variante ist mir (neben in Marktmodellen) bei dem Commons-Ansatz mehrfach begegnet.

Föderierte Räte

Ein Rat ist ein Gremium von Menschen, die von bestimmten Themen betroffen sind und dazu Entscheidungen treffen. Auf lokaler Ebene habe ich den Konsument*innenrat erwähnt. Das Koordinationkommitee der lokalen Ebene trifft selbst keine Entscheidungen, sondern bereitet diese vor. Ähnlich ist es mit den Räten auf überlokaler Ebene. Diese Räte werden zu Themen, die mehr als eine lokale Gruppe betreffen, gegründet und bestehen aus Menschen, die sich für das Thema interessieren. Möglicherweise haben diese Räte einen gewissen, vorher festgelegten, Handlungsspielraum. Für darüber hinausgehende Entscheidungen bereitet der Rat Entscheidungen nur vor, die dann von allen Betroffenen bestätigt, verändert oder verworfen werden. Die Menschen in dem Rat haben also keine Macht über andere, die nicht in dem Rat sind und können auch jederzeit ausgetauscht werden, wenn sie sich nicht an den Handlungsspielraum halten (imperatives Mandat).

Föderiert bedeutet (unter anderem), dass mehrere lokale Räte zu einem Thema vernetzt sind und Delegierte von diesen Räten sich ab und zu in einem regionalen Rat zum gleichen Thema treffen. Und regionale Räte können wieder in kontinentalen und diese wiederum in einem planetaren Rat vernetzt sein. Alle diese Räte funktionieren nach dem gleichen Prinzip: sie strukturieren relevante Informationen und bereiten Entscheidungen vor, setzten jedoch keine Entscheidungen durch. In den Texten der klassischen Anarchist*innen klingt die Idee der föderierten Räte recht umständlich und träge: Delegierte mussten weit zu Treffen reisen, hatten einen klaren Auftrag ihres lokalen Rates und konnten sich nicht darüber hinwegsetzen. Das erschwert die Konfliktklärung. Durch moderne Kommunkiationstechnologie sind diese Nachteile aus dem Weg geräumt.

Wirtschaft mit föderierten Räten zu organisieren bedeutet, dass möglichst lokal entschieden wird, was und wie wir produzieren wollen. Wer betroffen ist, kann sich an der Entscheidung beteiligen. Bei komplexerer, mehr Menschen betreffende Produktion und Verteilung werden mehr Gemeinschaften, Regionen oder gar Kontinente vernetzt und involviert. Entscheidungen werden auf Grundlage der oben beschriebenen anarchistischen Grundsätze, nicht nach Rentabilität getroffen.

Die Möglichkeit der föderierten Räte ist die von mir bevorzugte Form anarchistischen Wirtschaftens. Auch unter föderierten Räten finden sich unterschiedlich Varianten und Möglichkeiten der Realisierung.

Anarchistischer Kommunismus oder libertärer Kommunismus sind anarchistische Strömungen mit diesem Ansatz. In Spanien 1936-39 wurden diese teilweise in der Praxis umgesetzt.

FAQ

Hier nochmal die wichtigsten Fakten zum Wirtschaften im anarchistischen Kommunismus zusammengefasst:

Braucht es eine universelle Recheneinheit?

Im Kapitalismus ist der Marktpreis die universelle Recheneinheit. Fast alles wird auf der Grundlage dieses Preises verhandelt. Kommunist*innen streiten oft darum, ob ein Wirtschaftssystem eine universelle Recheneinheit braucht. Als Alternative zum Marktpreis schlagen sie z.B. Preise, die sich aus Planungsverfahren ergeben, oder Arbeitsgutscheine als Lohn für eine Zeiteinheit Arbeit vor. Wie oben erwähnt, kommen diese Ideen trotzdem noch mit den Nachteilen von verkürzten Informationen und Lohn daher.

toot with a poll about anarchist economies needing a universal unit of account. 90% said no.

Aus meiner Sicht braucht es keine universelle Recheneinheit. In einigen Fällen braucht es relevante Kennzahlen. Die sind jedoch nicht universell, sondern je nach Kontext anders. Sollten z.B. einige Ressourcen knapp sein, so ist es sinnvoll, deren Verbrauch in der dafür gebräuchlichen Einheit transparent zu erfassen. Bei bedrohlicher Knappheit kann notfalls auf dezentrale und faire, bedarfsgerechte Rationierung umgestellt werden.

Vorstellbarkeit

Diese Ideen anarchistischen Wirtschaftens können vorstellbarer werden, wenn konkrete praktische Probleme durchdacht und diskutiert werden. Vielleicht sogar in Rollenspielen. Siehe dazu die Anregungen in den Ressourcen unten. Oder noch besser: In existierenden anarchistischen Projekten Ansätze anarchistischen Wirtschaftens ausprobieren und Strukturen anarchistischen Wirtschaftens aufbauen (ohne frustriert zu sein, wenn dies innerhalb des Kapitalismus widersprüchlich und schwierig ist).

Dieser Text veranschaulicht mithilfe einer fiktionalen, in der Zukunft spielenden Geschichte, wie mit föderierten Räten Wirtschaft organisiert sein könnte.

Ressourcen

2023/07